Besondere Veranstaltungen

Festliche Umbenennung des Ev. Gemeindezentrums Forum in Theodor-Maas-Haus

Am 24. März 2019 ist es so weit: Das „Forum“, unser frisch renoviertes Gemeindezentrum, erhält zeitgleich mit seiner Wiedereinweihung auch einen neuen Namen. Das Presbyterium hat einstimmig beschlossen, die Räumlichkeiten in „Theodor-Maas-Haus“ umzubenennen.

Scan0002 KopieDiese Namensänderung wird durch einen feierlichen Gottesdienst eingeleitet, dem sich ein kleines Fest mit vielen Gästen und spannenden Programmpunkten anschließt. Was ist der Hintergrund dieser Umbenennung?

2015 beauftragte die Ev. Kirchengemeinde Altenkirchen und der Ev. Kirchenkreis das Schulreferat mit einer neuen Recherche zu Pfarrer Theodor Maas (1878 -1943). Mit der intensiven Unterstützung seines Enkels (er heißt ebenfalls Theodor Maas und ist Klinikpfarrer im Kirchenkreis Aachen) sowie zahlreicher Zeitzeugen ist eine umfangreiche Dokumentation entstanden. Sie knüpft an wegweisende Veröffentlichungen aus den 80er- Jahren von Hildegard Ottweiler an, ergänzt diese aber um eine Vielzahl neuer Details. Aktenfunde im Archiv des Landeskirchenamtes in Düsseldorf, bisher unbekannte Gestapo-Unterlagen und viele Interviews mit ehemaligen Konfirmand*innen komplettieren die bisherigen Kenntnisse.

Theodor Maas war vom 1.5.1921 bis zum 3.3.1943 Pfarrer in der vormals reformierten Pfarrstelle im II. Bezirk in der Ev. Kirchengemeinde Altenkirchen. Als äußerst beliebter Seelsorger gestaltete er zusammen mit seiner musikalisch hoch begabten Frau Babette (geb. Kolb) das Gemeindeleben vor Ort in schweren Zeiten: Weltwirtschaftskrise, Inflation, nationalsozialistische Bedrückung und Zweiter Weltkrieg wechselten einander ab.

Da Theodor Maas väterlicherseits jüdische Ahnen besaß, wurde er ab 1933 als „Mischling ersten Grades“ zunehmend und schließlich systematisch schikaniert, nicht nur von den örtlichen Instanzen der NSDAP und den Verwaltungsorganen der Stadt, sondern auch von seinem damaligen Amtsbruder Pfr. Ludwig Heckenroth, der Inhaber der vormals lutherischen Pfarrstelle war. Eine Kette von Denunziationen und Verleumdungen folgten, die Beschattung und Bespitzelung seiner Amtshandlungen und aller Gottesdienste waren an der Tagesordnung und hatten ein Ziel: Die Abberufung von Pfarrer Maas aus seiner Stelle in Altenkirchen. Seine Gegner erreichten, dass er als Religionslehrer aus der höheren Stadtschule ausscheiden musste und im Presbyterium zunehmend isoliert war. Öffentliche Herabsetzungen und Tätlichkeiten bis hin zu Angriffen auf Leib und Leben nahmen in erschreckender Weise zu.

Aber allen diesen Anfechtungen zum Trotz blieb Pfarrer Maas standhaft. Er wurde Mitglied der Bruderschaft der Bekennenden Kirche (BK) im Kirchenkreis. Seine Mitbrüder aus der BK stärkten ihm in der Auseinandersetzung mit seinem nationalsozialistisch orientierten Amtsbruder vor Ort den Rücken. Durch Eingaben und zähe Verhandlungen mit dem Konsistorium in Düsseldorf gelang es Pfarrer Maas und seinen Verbündeten sogar, dass der gegen ihn fortlaufend Intrigen schmiedende Pfr. Heckenroth seinen Ruhestand früher als geplant antreten musste. Dies war aber ein zeitlich befristeter Erfolg.

Junge Fam Maas m BesuchSchon vor Kriegsbeginn kam es fortlaufend zu Gestapo-Verhören in Koblenz, die auch mit körperlicher Gewalt einhergingen. Aber auch diese Maßnahmen konnten Pfarrer Maas nicht brechen. Er erteilte in wechselnden Privathäusern Religionsunterricht, weil sich nationalsozialistische Volksschullehrer weigerten, das Fach weiterhin zu unterrichten. In uns überlieferten Predigten ist seine widerständige Geisteshaltung und die Kritik am Krieg und dem nationalsozialistischen Regime greifbar.

Pfarrer Maas besuchte ab November 1938 regelmäßig die völlig verarmte Familie Löbl, die ebenfalls jüdische Wurzeln hatte und unterstützte sie mit Nahrungsmitteln. Nach einem Brandanschlag auf das Pfarrhaus und der anonymen Zustellung eines Leichenkranzes wurde Pfarrer Maas am 2.3. 1943 auf dem Rückweg von einem abendlichen Besuch an der Kreuzung Kumpstraße/Kölner Straße von einem LKW angefahren und so schwer verletzt, dass er am folgenden Morgen starb.

Die wahren Todesumstände wurden verschleiert. Als Todesursache attestierte man „Schlaganfälle“. Dass diese wohl Folgen eines Schädelbasisbruchs waren, blieb unerwähnt. Mehrere Zeitzeugen äußerten noch in den 80er-Jahren unabhängig voneinander, dass es sich um einen gezielten Anschlag örtlicher Nationalsozialisten gehandelt habe, die den LKW steuerten.

Obwohl nur der engste Familien- und Freundeskreis um die wahren Gründe und Umstände seines Todes wusste, nahmen 1.000 Menschen – evangelische und katholische Christen – an der Beerdigung von Pfarrer Theodor Maas teil. Die Beerdigung wurde von örtlichen Nationalsozialisten heftig gestört.

Babette Maas 2Ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden behielten ihren Pfarrer und seine tapfere Frau Babette bis heute in guter Erinnerung. Mitglieder des Presbyteriums, viele Zeitzeugen und die Familie Maas erreichten 1986, dass seine Grabstätte auf dem Waldfriedhof nach einer Kette von Eingaben an die Stadtverwaltung erhalten blieb. Eine Gedenktafel erinnert seit 1988 am Eingang der Christuskirche an ihn.

Wenn die Ev. Kirchengemeinde Altenkirchen das Forum in „Theodor-Maas-Haus“ umbenennt, bekennt sie sich bei jeder Nutzung dieses Versammlungsorts zu einem besonderen Teil ihrer Geschichte. Die Erinnerung an einen tapferen Pfarrer, der unvergessen blieb, weil er im Unterschied zu vielen anderen zähen Widerstand gegen ein verbrecherisches Regime leistete, gewinnt Alltagsgehalt und wird zum Anlass fortlaufenden Gedenkens.
Die Erinnerung an Pfarrer Theodor Maas erhält auf diese Weise einen Ort, an dem mit jungen und alten Gemeindegliedern immer wieder bedacht werden kann, warum dieser Treffpunkt der Gemeinde so heißt. Es geschieht somit exakt das Gegenteil von dem, was rassistisch und antisemitisch eingestellte Personenkreise 1943 planten. Sie wollten Pfarrer Theodor Maas und seine Geschichte auslöschen und totschweigen. Dies wird ihnen auch fortan nicht gelingen.

Martin Autschbach